Wo ist Stolvizza?

oder:
Es gibt Enden der Welt auch inmitten der Berge

Stolvizza liegt mit ca 500 m Meereshöhe nieder in den italienischen Julischen Voralpen. Den Parkplatz am Anfang des Dorfes nehmen wir nicht, weil es keinen Schattenplatz gibt, aber es gibt auch keinen Schatten am Ende des Dorfes, wo der letzte Parkplatz liegt, gleich neben einem Kriegsgefallenendenkmal. Hier endet auch die Straße. Weiter ginge es nur noch auf einer Forststraße, die zu einem kleinen Weiler mit Kirche und Übernachtungsmöglichkeit führt, dann zum Parkplatz einer bewirtschafteten Hütte. Dort endet 10 km nach Verlassen der Ortschaft die Straße. Ab dort ginge es nur noch zu Fuß weiter, auf die Spitze des Canin zum Beispiel. Somit ist Stolvizza das letzte Dorf im Resiatal.

Der Name Stolvizza klingt nicht italienisch, aber Furlanisch ist es auch nicht – eine Sprache die wie das Dolomitenladinisch und das Bündnerromanisch den rätoromanischen Sprachen zugeordnet wird – von den um die 1.000 Einwohner:innen des Resiatals wird ein Kärtner Slowenisch gesprochen, das sich heute auch von der slowenischen Mediensprache beeinflussen lässt.

Die Möglichkeit Medien in der jeweiligen Sprache konsumieren zu können ist meiner südtirolerischen Erfahrung nach, mit ein ausschlaggebender Faktor für die Lebendigkeit einer Sprache. Einerseits sicher, weil der zeitaktuelle Diskurs in der Sprache geführt wird, und vermutlich auch, weil die Hauptsprache eines Staates nicht um ihre Daseinsberechtigung diskutieren muss – sie ist unweigerlich das, was verwendet wird, um sich zu verständigen. Um in Österreich slowenische Medien empfangen zu können – und das obwohl über die Grenze – erzählt mir die slowenische Kärntnerin Kampus, dass man sich dazu in Ljubljana eine Karte kaufen muss.

Eigentlich dachte ich mir, dass dieser fundamentale Unterschied das Sprachdasein einer Grenzminderheit zu einer Inselminderheit aus: ihr mittelbarer Kontakt zur – ja zu was eigentlich, zur eigenen Sprache, die anderenorts die Mehrheitssprache ist? In Südtirol empfingen wir in den 90ern neben den Südtiroler Medienangeboten, seit der Satellitenschüssel deutsches und österreichisches Staatsfernsehen. Als Grenzminderheit grenzen wir Südtioler:innen direkt an den Staat, wo die hier Minderheitensprache, drüben die Mehrheitssprache ist. Können die Arbresh im Süden Italiens albanische Medien empfangen, oder die Grekanischen griechische? Beide Länder grenzen an Italien – gibt es ein Medienabkommen? Heute, mit der Möglichkeit über das Internet – wenn Inhalte nicht Geo-geblockt sind – können Inhalte aus allen Ländern der Welt empfangen werden und somit kann das Individuum immer Teil mehrerer Sprachgemeinschaften sein.

Luigia Negro ist Präsidentin des Kulturvereins Museum Menschen des Resiatals (Asočacjun Muzeo Od Tih Rozajanskih Judi oder Associazione Culturale Museo della Gente della Val Resia). Wir unterhalten uns in drei Sprachen, Slowenisch, Italienisch und Deutsch. Luigia Negro hat in zahlreichen Publikationen mitgewirkt und auch zahlreiche Projekte angestoßen. Die Schriftellerin und Übersetzerin Ivana Kampus kennt sie als „sehr bescheidene“ Begleiterin der Mundartdichterin Silvana, die in Kampus’ Nachbarort vor einigen Wochen einen Preis entgegengenommen hatte.

Luigia Negro räumt gleich mit einigen Mythen auf, die mit der Sprache und der Minderheit des Resiatals verbunden sind. Überhaupt werden von Minderheiten oft verzerrte Ideologiebilder gezeichnet. Hier soll der Name „Resia“ auf die Russen zurückzuführen sein, eine Idee die als faschistisches Feindbild eingesetzt wurde.

Es ist bemerkenswert, dass es möglich ist, dass sich diese Narrative (oder Propaganda) über Jahrzehnte hinweg bis heute gehalten haben, und zB. aus gewissen Regionen mit Minderheiten’problematiken‘ fundamentalistische Ideologien bis heute erzählt werden. Die „questione ladina“, die 1871 zehn Jahre auf die „questione meridionale“ folgt, um die Rückständigkeit des Südens in die Gesellschaft so einzubrennen, dass die nachfolgend Geborenen heute noch meinen, sie müssten Auswandern, um ihr Glück anderswo zu finden. Solche Narrative oder Propaganda richtet Schaden an, der bis heute erlebt, gelebt und gefühlt wird.

Im Museum der Menschen des Resiatals serviert uns Luigia Negro den Cafè in einem Raum, der einer historischen Küche nachempfunden ist. An diesem ersten heißen Sommertag, an dem die Temperatur über die noch angenehmen 27 Grad hinaufgeklettert ist, setzen wir uns um den gemauerten Herd in den kühlen Innenraum. Die verputzte Steinwand ist hellgrün ausgemalt und mit einem dunkleren Walzenmuster verziert. Der Metallofen ist in rote Ziegelsteine gemauert, deren Ecken kunstvoll ausgeschitten sind. Rechts neben dem Ofen ziert eine Madonnenstatue die Wand, links daneben hängt eine Öllampe mit Spiegel, um damals das spärliche Lampenlicht zu verstärken.

Luigia stellt die Espressomaschine auf einer genau passenden kleinen Herdplatte über „wir haben nicht viel Platz!“ Den Zucker rührt sie in einer Emailkanne unter den Kaffee. „Im Süden mischen sie den Zucker direkt in die Espressokanne“, erzähle ich und schließe die Anekdote an, dass ich immer ungesüßten schwarzen Espresso getrunken habe, bis ich einmal einen eingeschenkt bekommen habe, der so anders und so gut geschmeckt hat, nur um draufzukommen, dass der Kaffee in der Kanne gesüßt wurde. Seitdem trinke ich Cafè immer gesüßt. Luigia erzählt uns, dass es üblich war, den ersten Kaffee aus der Kanne in einem gesonderten Gefäß mit Zucker zu verrühren, sodass eine Crema entstand, um diese dann in den Tassen mit dem Kaffee zu vermischen.

Die Platznot, der begrenzte Ausstellungsraum, wird mit zweijährlich wechselnden Ausstellungen gemeistert. So wurde die Raumnot zu einer Tugend und verleiht dem Museum, die Progressivität, was seine intellektuelle Kraft ausmacht. Sich ändernde Ausstellungen wirken zwingend zeitaktuell. Es müssen laufend neue Fördermittel beantragt werden, dadurch wird geforscht und die Dialoge werden in Konferenzpublikationen veröffentlicht. Besser als so könnte ein kleines Museum, am Ende der Welt, gar nicht mit der Welt vernetzt sein.

Eine Fabel ohne Fabel, wie wird die Erzählung zur Fabel?

Eines heißen Sommertags trafen sich kulturaffine Menschen am Strand, um einem transkulturellen Kinderspiel beizuwohnen. Heiter und lustig, erzählten wir die Geschichte des kleinen Tigers, der von einem Floh gebissen, nicht mehr glücklich war und zu allen seinen Freunden unfreundlich wurde. Erst als seine Mutter ihn in seine schützende Arme nahm, beruhigte sich der aufgebrachte kleine Tiger und spielte wieder freundlich mit den Anderen. Wir trommelten auf Steine, schwammen im Meer und herzten den großen Tiger. Nach der Geschichte wanderten wir unter schattenspendenden Bäumen Richtung des Restaurants, wo wir für die Mittagspause einkehrten.

Ein Teil der Gruppe folgte der Visionärin, die dort vorne, weit hinten am Horizont, ein Zentrum für den Frieden gründen wollte, dort vorne, weit hinter einem langen Fußmarsch unter der prallen Sonne. Die mittägliche Hitze und meine weiße Haut, ließen mich bald umkehren. Bei meiner Rückkehr fand ich im Schatten sitzend, den Leiter des Events, „es war nie abgemacht gewesen, dass wir diesen langen Weg unter der prallen Sonne machen würden.“ So erfuhr ich, dass die Visionärin die Kulturaffinen eigenmächtig und ohne Absprache unter der Sonne mitnahm, von wo sie sich später dehydriert und sonnenverbrannt am Mittagstisch einfanden.

Was ist hier passiert? Wie wurden Verantwortungen übernommen oder nicht übernommen? Wer hätte wie handeln können, um das Unglück zu vermeiden?

Ich hatte Glück, weil ich mich auf meinen Körper gehört, die Entscheidung getroffen habe, nicht der Masse zu folgen. Aber all jene, die wohlmeinend dies sei ein Teil der Veranstaltung gefolgt waren, sie wurden einer Gefahr ausgesetzt. Hatte ich zugesehen, wie Menschen in ihr Verderben gingen? Hätte ich Handeln sollen? Eines ist sicher, hier wurde eine Verantwortung nicht ausgeübt, die zwingendermaßen hätte ausgeübt werden müssen, nämlich jene, laut und deutlich zu sagen, dass diese Wanderung nicht im Programm des Events war, und dass die Veranstaltenden nicht die Verantwortung dafür übernahmen und von der Teilnahme an der Wanderung aus triftigen Gründen abraten würden.

Aus der Konzerthausorgel

unterwegs mit Österreichs einzigem Orgelbaulehrer Martin Parzer

„Darf ich mit in die Konzerthausorgel?“

„Anfang Februar stehen größere Arbeiten an!“

Martin Parzer, der Orgelbauer, holt mich mit zwei seiner Assistenten, die er ausgebildet hatte, beim Eingang des Konzerthauses ab. Der Portier lächelt uns aufmerksam und freundlich zu. Über Stiegen und mehrere Türen kommen wir zum Orgelbalkon. Parzer und seine Assistenten hatten am Vormittag bereits einiges erledigt und waren gut in der Zeit. „Ich kann die Beiden selbstständig arbeiten lassen“, erklärt Parzer. „Deshalb habe ich sie aus Murau kommen lassen. Und weil ich den Auftrag im Konzerthaus vom Orgelbauer Vonbank aus Murau übernommen habe.“

Wie es dazu kommt, dass man gewisse Sachen darf, oder eben einfach tut, das kann ich nicht genau sagen. Ich habe vieles immer einfach getan. In Anbetracht des Inneren der Konzerthausorgel habe ich mich erinnert, dass ich als Wissenschaftlerin einiges darf, und dazu befähigt mich erstens mein Diplom, das ich mit Mag.a phil abgeschlossen habe (siehst du Ernst, ich schließe Projekte ab), und zweitens weil ich (zwar schon alt aber immer noch), als Dissertantin der Musikwissenschaft an der Universität Wien (mit baldigem Wechsel nach Innsbruck) angemeldet bin. Ich bin “forschend” unterwegs. Eine nicht unwesentliche Legitimation!

Den Orgelbauer Parzer hatte ich in der Orgel in St. Peter kennengelernt. Er hatte die Orgel dort wieder zum Laufen gebracht. Sie war länger stillgestanden, weil der Motor nicht mehr angesprungen war. Die Orgel in St. Peter ist auch nicht mehr die Jüngste. Während die Kirchenmusikerin Földenyi das tägliche halbstündige Konzert spielte und ich ihr blätterte, kam der Orgelbauer aus der Orgel hervor, setzte sich auf einen Stuhl und hörte zu. Das gefiel mir. So kamen wir ins Gespräch und es war schnell klar, dass er spannende Geschichten zu erzählen hatte.

„Ich habe an der Orgel im Musikverein mitgearbeitet, gleichzeitig war ich bei Capec in der Marienkirche und auch noch im Stephansdom. Dann war ich mit allem im Verzug und musste im Musikverein Nachtschichten einlegen.“

Parzer hat bei allen großen Orgeln in Wien mitgebaut. Beim Bau der schwebenden Orgel in Regensburg war er auch dabei, ein atemberaubendes Erlebnis aus deren Bau erzählt er mir im Interview.

In der Konzerthausorgel müssen die Zungenregister im Pedal gewartet werden. “Die Bombarde 32“ klingt unruhig.” Weiter hinten mussten einige von den großen Pfeifen gelötet werden, weil sie undicht waren. Dafür wurden sie herausgehoben und mit dem Hineinheben hatten die Kunsthandwerker auf mich gewartet. Zuerst durfte ich von unten filmen, wie zwei der über fünf Meter langen Pfeifen hineingehoben wurden. „Jetzt wäre eine Einstellung von oben schön!“, meinte Parzer verschmitzt lächelnd und brachte mich einen Stock höher. Über eine Leiter ging es weiter nach oben. Parzer hangelte sich geschickt an den Stützstreben über die Orgelpfeifen hinweg in das hintere Pedalregister. Mich leitete er an auf die Holzpfeifen hinaufzusteigen, um hoch genug hinauf zu kommen. „Auf die Pfeifen draufsteigen?“, versuchte ich doch zu argumentieren. „Die halten das aus!“ So stand ich schwitzend auf den mehrere Meter hohen Holzpfeifen mittem im Pfeifenwald und filmte. In einem Kraftakt hoben die Handwerker die großen Pfeifen wieder in ihre angestammten Plätze.

„Muss ich beichten, dass ich ihre Majestät mit Füßen getreten habe?“ scherze ich.

“Die Orgel als Königin zu bezeichen ist platt”, werde ich als Orgelanfängerin nicht für lustig empfunden.

Am Ende des Arbeitstages durfte ich den Orgelschlüssel ziehen und ihrer Majestät zuhören, wie sie ihren Atem aushaucht. Für mich ein besonderes Erlebnis.

exploring musical spaces

Design a site like this with WordPress.com
Get started